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Biomasse im Großkraftwerk

Bislang verbrannten Öl, Kohle und Gas im Kessel des Electrabel-Kraftwerks im belgischen Rodenhuize. Nun rüstet Bilfinger Berger die Anlage auf einen nachwachsenden Rohstoff um: Künftig soll dort Holz verfeuert werden.

Der kolossale Gasvorwärmer am Kranseil löst sich mit einem quietschenden Geräusch, das durch Mark und Bein geht, langsam aus der Kraftwerksanlage heraus. Mehr als 20 Jahre lang hat das fünf Meter lange, quaderförmige Gerät 40 Grad warmes Gas auf 300 Grad aufgeheizt, um es weiter in den Brenner zu blasen.

Lars Dörnenburg zeigt auf die schwarze Masse, die an den Seiten herunterrieselt. „Wegen dieser Gasrückstände war es Zeit für einen Austausch“, sagt der Bauleiter von Bilfinger Berger. Der Kranführer setzt den alten Gasvorwärmer ab und hebt das neue Bauteil computergesteuert an seinen Platz. Zwei Stunden dauert das komplizierte Manöver.

Lars Dörnenburg und seine Kollegen modernisieren das Kraftwerk Rodenhuize nördlich von Gent und rüsten es auf den Betrieb mit Biomasse um. Der belgische Energieversorger Electrabel, eine Tochtergesellschaft von GDF SUEZ, will in der Anlage künftig Holzstaub verfeuern und damit Strom CO2-neutral produzieren. Das Projekt ist eine Pioniertat. Nach dem Umbau wird das Kraftwerk eine thermische Leistung von 560 Megawatt erzielen. Nie zuvor hat ein Kraftwerk dieser Dimension solch eine Modernisierung erfahren. Neben den Engineering-Einheiten in Oberhausen verfügt die Gesellschaft über eigene Fertigungskapazitäten für spezielle Kraftwerkskomponenten und das größte Montageteam in Deutschland. So können Entwicklung, Konstruktion, Fertigung, Montage und Inbetriebnahme aus einer Hand angeboten werden.

Es ist nicht allein der neue Brennstoff, der die Aufgabe in Rodenhuize zu einer Herausforderung macht. Electrabel will neben Biomasse weiterhin auch Erdgas und das im benachbarten Stahlwerk anfallende Hochofengas verbrennen können.

„Um drei Brennstoffe in einem Kessel verfeuern zu können, ist eine komplexe Technik und sehr ausgefeilte Planung nötig“, erläutert Dr. Christian Storm, Leiter des Bereichs Technik und Engineering bei Bilfinger Berger Power Services. In der Planungsphase simulierten die Ingenieure alle möglichen Szenarien am Computer, um sicherzustellen, dass die strengen Grenzwerte für den Ausstoß von Stickoxiden eingehalten werden. Luftkanäle und Dampferzeugerkomponenten mussten immer wieder neu dimensioniert werden, bis eine praktikable Lösung auf dem Tisch lag und der Auftrag unter Dach und Fach war.

Bilfinger Berger passt 24 Brenner für den Betrieb mit Holzstaub an, liefert zwölf neue Gichtgasbrenner inklusive der Gasvorwärmer, erneuert Luftkanäle und installiert eine Ausbrandluftebene – ein Modul, das den Schadstoffausstoß durch zusätzliche Luftzufuhr verringert.

Eine Anlage für Staubfeuerung mit Biomasse in dieser Größenordnung planten die Ingenieure von Bilfinger Berger zum ersten Mal. Zwar ähneln die Biomassebrenner im Design den Kohlebrennern, mit denen sie viel Erfahrung haben. Allerdings standen sie vor der Aufgabe, die Brenner der starken mechanischen Beanspruchung durch den Holzstaub anzupassen. Bald fanden die Feuerungsspezialisten eine einfache, aber wirkungsvolle Lösung. Sie kleideten die Brenner mit besonders widerstandsfähigen Keramikplatten aus. „Bei der Montage müssen die Bauteile aber sehr vorsichtig behandelt werden“, betont Projektingenieur Dr. Holger Oleschko. „Eine unachtsame Bewegung kann die Keramikplatten zerstören.“

Im Kraftwerk zeigt Lars Dörnenburg auf einen kaum zwei mal zwei Meter großen Transportschacht, den man im Vorbeigehen kaum wahrnimmt. „Das ist der einzige Weg, um Material zum Kessel zu bringen. Rohre, Verbindungselemente, Gebläse – alles muss hier durch.“ In der Vergangenheit wurde die Anlage immer wieder für den Einsatz zusätzlicher Brennstoffe umgebaut. Das erschwert heute den Zugang.

Für ihre Planung stützten sich die Fachleute auf alte Konstruktionspläne, die, wie sich zeigen sollte, nicht immer auf aktuellem Stand waren. „Unter der Isolierung erwartete uns die eine oder andere Überraschung“, sagt Dörnenburg. „Gemeinsam haben wir aber immer eine Lösung gefunden. Genauso stelle ich mir konstruktive Zusammenarbeit vor“, bestätigt Frank Van den Spiegel, Projektmanager von Electrabel.

„Für Bilfinger Berger ist Rodenhuize eine wichtige Referenz in einem zukunftsträchtigen Geschäft“, betont Christian Storm: „Bei der Umrüstung konventioneller Kraftwerke auf Biomasse haben wir nun einen echten Wettbewerbsvorteil.“

(Text: Anne Meyer, Fotos: Eric Vazzoler)